Ohne KI, mit KI oder nur für einen Schritt: die KI-Regel für eine Aufgabe
Ob KI bei einer Aufgabe erlaubt ist, entscheiden Sie als Lehrkraft. Leichter wird die Entscheidung, wenn man sie für jeden Arbeitsschritt einzeln trifft.

Clara Wawrina, MA
Wirtschafts-wissenschaftlerin

Die KI-Strategie des Bildungsministeriums legt fest: Vor jeder Aufgabe sagt die Lehrkraft, ob KI nicht, unterstützend oder für bestimmte Arbeitsschritte erlaubt ist. An einer Erörterung gezeigt: wie man die Schritte aufteilt, was auf der Angabe steht, wie ein KI-Protokoll aussieht und was bei Hausübungen ehrlicherweise nicht funktioniert.
„Sie haben nicht gesagt, dass wir keine KI verwenden dürfen.“ Der Satz kommt von einem Schüler der 6. Klasse, und er hat recht. Auf der Angabe zur Erörterung standen das Thema, die Wortzahl und der Abgabetermin. Zur KI stand nichts. Ein Teil der Klasse hat ohne geschrieben, ein Teil mit, und jetzt liegen 26 Texte am Tisch, bei denen niemand weiß, was eigentlich beurteilt wird.
Die Szene ist erfunden. Die Lücke auf der Angabe gibt es in vielen Klassen.
Die Regel gehört vor die Aufgabe
Die KI-Strategie des Bildungsministeriums ist an diesem Punkt eindeutig. Bevor eine Aufgabe ausgegeben wird, legt die Lehrkraft fest, ob KI verwendet werden darf und in welcher Form. Sie sagt das der Klasse. Wo KI erlaubt ist, halten die Schüler:innen fest, wo und wie sie sie verwendet haben, und erklären ihren eigenen Beitrag. Das gilt auch für Hausübungen und Vorbereitungsarbeiten.
Die Strategie nennt drei Möglichkeiten: KI ist nicht erlaubt, KI darf unterstützen, oder KI darf für bestimmte Arbeitsschritte verwendet werden. Das Prinzipien-Blatt des Ministeriums ergänzt einen Satz, der die Arbeit erleichtert: KI pauschal zu verbieten oder zu erlauben, ohne die Aufgabe anzupassen, bringt wenig. Die Erwartung gehört in die Aufgabe selbst.
Was die drei Stufen bedeuten
Ohne KI. Für alles, was die Klasse selbst können soll und gerade erst lernt. Die Strategie zählt dazu ausdrücklich die Grundkompetenzen: Lesen, Schreiben, Rechnen, Argumentieren, Informationen prüfen. Sie sollen ohne KI aufgebaut und ohne KI nachgewiesen werden.
KI unterstützt. Die KI darf Fragen stellen, Hinweise geben und Rückmeldung zu einem Entwurf geben. Sie schreibt, rechnet und löst nicht. Die Denkschritte, um die es in der Aufgabe geht, bleiben bei den Schüler:innen.
KI für bestimmte Schritte. Einzelne Arbeitsschritte sind freigegeben, andere nicht. Diese Stufe ist die nützlichste, weil die meisten Aufgaben aus mehreren Schritten bestehen, die nicht alle dasselbe trainieren.
Zur Entscheidung reicht meist eine Frage: Was soll diese Aufgabe aufbauen oder zeigen? Dieser Schritt bleibt ohne KI. Die Strategie formuliert es für Lehrkräfte so: zuerst den Kompetenzstand feststellen, dann KI für die Produktion von Ergebnissen einsetzen. Das Prinzipien-Blatt gibt ein Beispiel nach Alter. Ein Aufsatz in den ersten Klassen der Unterstufe entsteht ohne KI. In der Oberstufe ist KI möglich, wenn die Schüler:innen begründen können, wofür sie sie verwendet haben.
Warum es auf „hilft“ und „macht“ ankommt
Die Strategie stützt sich auf eine Studie, die zeigt, wie groß dieser Unterschied ist. Ein Team der University of Pennsylvania hat mit fast 1.000 Oberstufenschüler:innen in der Türkei Mathematik geübt. Eine Gruppe bekam ein Chatfenster wie ChatGPT. Eine zweite bekam dasselbe Modell, aber so eingestellt, dass es Hinweise gibt und keine fertigen Lösungen. Eine dritte übte ohne KI.
Beim Üben waren beide KI-Gruppen deutlich besser, um 48 und um 127 Prozent. Bei der Prüfung danach, ohne KI, sah es anders aus. Die Gruppe mit dem normalen Chatfenster schnitt 17 Prozent schlechter ab als die Gruppe, die nie KI hatte. Die Gruppe mit der Hinweis-Version lag etwa gleichauf mit ihr.
Die Studie hat Grenzen: ein Fach, ein Land. Sie zeigt aber, worauf es bei der Stufe „KI unterstützt“ ankommt. Eine KI, die Lösungen liefert, nimmt den Lernschritt weg. Eine KI, die nachfragt, lässt ihn bei den Schüler:innen.
Ein Beispiel: die Erörterung, Schritt für Schritt
Eine Erörterung in der 6. Klasse AHS zum Thema „Soll der Unterricht erst um neun Uhr beginnen?“. Statt einer Regel für die ganze Aufgabe gibt es eine pro Schritt.
Eine Aufgabe, vier Schritte
- Ohne KI
Argumente sammeln
- Eigene Liste mit Pro und Contra. Das ist die Kompetenz, um die es geht.
in der Stunde, 10 Minuten
- Mit KI: nur Rückfragen
Gegenargumente prüfen
- „Welche Einwände fehlen auf meiner Liste?“ Passende Einwände auswählen und die Auswahl begründen.
in der Stunde oder zu Hause
- Ohne KI
Rohfassung schreiben
- Den eigenen Text mit den eigenen Argumenten schreiben.
in der Stunde
- Mit KI: nur Feedback
Überarbeiten
- Rückmeldung zu Aufbau und Belegen. Keine Sätze von der KI übernehmen.
zu Hause, mit KI-Protokoll
Beurteilt werden der fertige Text und ein kurzes Gespräch über den Arbeitsweg.
Die drei Stufen: ohne KI, mit Unterstützung durch KI oder mit KI für bestimmte Arbeitsschritte.
Argumentieren ist die Kompetenz, um die es geht. Deshalb sammeln die Schüler:innen ihre Argumente selbst, in zehn Minuten in der Stunde. Danach dürfen sie eine KI fragen, welche Einwände auf ihrer Liste fehlen. Sie wählen aus, was sie überzeugt, und schreiben dazu, warum. Die Rohfassung entsteht wieder ohne KI, in der Stunde. Zum Überarbeiten zu Hause darf die KI Rückmeldung geben, aber keine Sätze formulieren.
So steht es auf der Angabe:
Satz für die Angabe
Für diese Erörterung gilt: Deine Argumente sammelst du selbst, die Rohfassung schreibst du in der Stunde. Beides ohne KI. Für die Gegenargumente und für die Überarbeitung darfst du eine KI verwenden, aber nur für Fragen und Rückmeldungen. Formulierungen der KI übernimmst du nicht. Füll dazu das KI-Protokoll aus.
Der Prompt für „KI unterstützt“
Damit eine KI hilft und nicht schreibt, braucht sie eine klare Anweisung. Diesen Text können Sie den Schüler:innen mitgeben, für das Programm, das Ihre Schule freigegeben hat:
Prompt zum Austeilen
Ich bin in der 6. Klasse und überarbeite eine Erörterung zum Thema [Thema]. Unten steht mein Text. Schreib ihn nicht um und formuliere keine Sätze für mich. Stell mir drei Fragen, die mir helfen, meine Argumentation zu verbessern, und zeig mir die Stelle, an der ein Beleg fehlt. Wenn ich dich später um einen fertigen Text bitte, erinnere mich an diese Regel.
Das hält nicht jede KI durch. Wer zweimal nachfragt, bekommt oft doch einen fertigen Absatz. Der Prompt ersetzt deshalb weder das Protokoll noch das Gespräch nach der Abgabe. Und er gehört nur in ein Programm, das die Schule freigegeben hat. Private KI-Konten sind laut FAQ des Ministeriums erst ab 14 zulässig, und sie dürfen keine Voraussetzung sein, um mitzumachen.
Das KI-Protokoll: fünf Zeilen
Die FAQ des Ministeriums empfiehlt ein kurzes, einheitliches Protokoll statt langer Dokumentationen: Programm, Zweck, die wichtigsten Eingaben, wichtige Änderungen und ein Satz zur eigenen Reflexion. Als Vorlage für die Klasse kann das so aussehen:
KI-Protokoll
Name
Aufgabe und Datum
- 1
Programm
Welche KI hast du verwendet?
- 2
Wofür ich KI verwendet habe
Für welchen Schritt der Aufgabe?
- 3
Meine wichtigsten Eingaben
Höchstens drei Eingaben, ungefähr im Wortlaut.
- 4
Was ich übernommen, geändert oder verworfen habe
- 5
Das habe ich selbst gemacht
Ein Satz genügt.
Die Vorlage können Sie frei verwenden.
Die Vorlage gibt es auch als A4-PDF zum Ausdrucken.
Die letzte Zeile ist die wichtigste. „Das habe ich selbst gemacht“ zwingt zu einer Antwort, die keine KI liefern kann, und gibt Ihnen die Frage für das Gespräch nach der Abgabe.
Und bei der Hausübung?
Ehrlich gesagt: „Ohne KI“ lässt sich zu Hause nicht kontrollieren. Die Strategie verlangt die Unterscheidung trotzdem auch für Hausübungen. Ihre Antwort ist, den Arbeitsweg sichtbar zu machen, statt das Ergebnis zu prüfen. Für die Praxis heißt das:
- Was ohne KI entstehen soll, kommt in die Stunde. Zu Hause sind „KI unterstützt“ und „KI für bestimmte Schritte“ die ehrlicheren Regeln.
- Bei der Rückgabe zwei Fragen an einzelne Schüler:innen, zum Beispiel: „Welcher Einwand hat dich am meisten beschäftigt?“ und „Was hast du nach der Rückmeldung geändert?“
- Es gibt immer einen Weg ohne KI, und wer ihn wählt, hat keinen Nachteil. So steht es in der FAQ.
- Auf KI-Detektoren verzichten. Auch die FAQ nennt sie unzuverlässig, mehr dazu hier.
Für die Schulleitung: eine Sprache für alle Fächer
Wenn jede Lehrkraft eigene Begriffe verwendet, lernen Schüler:innen im Lauf einer Woche ein Dutzend verschiedene KI-Regeln. Einfacher ist es, wenn sich das Kollegium auf die drei Stufen der Strategie und ein gemeinsames Protokoll einigt. Laut Prinzipien-Blatt sind schulweite Festlegungen Sache der Schulleitung. Zwanzig Minuten in einer Konferenz reichen dafür.
Dazu gehört die Liste der Programme, die an der Schule verwendet werden dürfen. Auch die liegt laut FAQ bei der Schulleitung. Was die Strategie sonst noch von Schulen verlangt, steht in unserem Überblick zur KI-Strategie.
Eltern hilft die gemeinsame Sprache auch. Sie sehen auf der Angabe, was erlaubt ist, und müssen nicht raten.
Häufige Fragen
Wer entscheidet, ob Schüler:innen bei einer Aufgabe KI verwenden dürfen? Die Lehrkraft, und zwar vor der Aufgabe. So steht es in der KI-Strategie des Bildungsministeriums. Schulweite Festlegungen trifft die Schulleitung.
Dürfen Schüler:innen bei der Hausübung KI verwenden? Wenn die Lehrkraft es erlaubt. Die Regel muss vorher klar sein, und wer KI verwendet, dokumentiert das. Es soll immer einen Weg ohne KI geben.
Wie kennzeichnen Schüler:innen KI-Nutzung? Mit einem kurzen Protokoll: Programm, Zweck, die wichtigsten Eingaben, was übernommen oder geändert wurde, und ein Satz dazu, was sie selbst gemacht haben. Für VWA und Diplomarbeit gelten weiter die eigenen Vorgaben des Ministeriums.
Bevor Sie die nächste Aufgabe ausgeben, stellen Sie sich eine Frage: Welcher Schritt ist der, den die Klasse dabei lernen soll? Der bleibt ohne KI. Bei den anderen dürfen Sie großzügig sein.
KI nervt? Wir machen’s einfach, kurz, praxisnah!
Quellen
- Bundesministerium für Bildung, 6.11.2026: KI-Strategie für Österreichs Schulen, Perspektive 6 (S. 45 f.)
- Bundesministerium für Bildung: FAQ Pädagogischer Einsatz von KI, Abschnitte 4.4 bis 4.7 und 7.4
- Bundesministerium für Bildung, 2026: Prinzipien für den KI-Einsatz in Schulen und Bildungsverwaltung, Prinzip 3 und 4
- Bastani, H., Bastani, O., Sungu, A., Ge, H., Kabakcı, Ö., & Mariman, R. (2025): Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics. PNAS 122(26). doi.org/10.1073/pnas.2422633122
- Knowledge at Wharton: Without Guardrails, Generative AI Can Harm Education
- Bundesministerium für Bildung, 2023: KI-Tools bei abschließenden Arbeiten
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